Spurensuche
in Familienkonstellationen
Fallbeispiel 1

Die Aufstellung

Genogramm

Anfang der Aufstellung

Das Genogramm zeigt die Verwandschaft der etwa 25 Jahre alten Frau "Ich". Sie wirkte verstört und führte zunächst die Repräsentanten für ihre Ursprungsfamilie auf ihre Plätze: "Vater", "Mutter", "Ich" und ihren "Bruder", der jünger ist als sie. Dann ging sie zur Seite und überließ die Repräsentanten ihren Empfindungen.

In der Familie hatten Mutter, Tochter und Sohn positive Gefühle füreinander. Der Repräsent des Vaters spürte noch nichts. Die Tochter "Ich" war sehr traurig.

Dann wurden die Eltern und der ältere Bruder des Vaters hinzugestellt, und der "Vater" drehte sich zu seinen Eltern um. Auch dann spürte er nichts. "Opa" und "Oma" empfanden nicht viel für ihre Kinder, nur etwas Trauer. "Onkel" war wütend auf seine Eltern.

Plötzlich fing "Vater" an zu weinen und sprach: "Ich hatte die ganze Zeit nichts gespürt und war schon traurig deswegen. Aber jetzt erkenne ich, daß diese Leere und die Trauer darüber wirklich sind, zu meiner Rolle gehören".

Erklärung der Seminarleiterin Helga, was sich in den beiden Familien ereignet hatte:

Fortführung der Aufstellung

Helga schlug "Onkel" vor, sich seinen Eltern zu nähern. Nähe und Köperkontakt vertrieben seine Wut. Als sich "Vater" zu seinen Eltern begab, konnte ihm die Nähe aber nichts vermitteln.

Dann wandte sich "Vater" wieder seinen Kindern zu. Er sehnte sich danach, Gefühle zu ihnen zu entwickeln, konnte aber nicht auf sie zugehen. Bei der Tochter "Ich" dagegen entwickelte sich aus der Trauer ein starkes Bedürfnis, die Entfremdung zum Vater zu überwinden, und sie ging zu ihm. Sie umarmten sich innig und empfanden eine lange vermisste Liebe zueinander.

Zum Abschluss holte Helga die Aufstellende an die Stelle ihrer Vertreterin, und sie wiederholte die Umarmung unter Tränen. Als sie sich gelöst hatte, wandte sich der Vater noch an den "Bruder" und wünschte ihm ein gutes Leben. Der Bruder meinte darauf "Das tut gut." Die Mitspieler wurden aus ihren Rollen entlassen und gingen in die Pause.

Sichtweisen

Sicht der Aufstellenden

Als mein Vater verunglückte, war ich noch ein Kind. Ich konnte nicht ertragen, daß er nicht mehr da war, und verdrängte ihn. Vor kurzem kamen die Gedanken wieder hoch. Ich war nicht nur traurig wegen seines Todes, sondern fühlte mich auch schuldig, weil ich ihn aus meiner Erinnerung verdrängt hatte. Ich wurde dieses Gefühl der Schuld nicht wieder los und bat deshalb Helga um eine Familienaufstellung.

Ich hatte vor der Aufstellung große Angst: Wie würde mein Vater sein, würde er mir böse sein und mich ablehnen? In der Aufstellung wirkte er zunächst gefühllos. Aber das lag an seiner Situation und nicht an einer Abneigung zu mir. Ich bin so froh, dass wir zueinander gefunden haben und ich meine Sorgen los bin.

Sicht der Seminarleiterin

Es war eine Aufstellung mit gutem Ausgang für die Aufstellende. Sie fand ihren Vater wieder und wurde die vermeintliche Schuld los. Eigentlich war die Verdrängung der Erinnerung an den Vater keine Schuld sondern die natürliche Reaktion eines Mädchens auf den Verlust.

Der Vater hat den Bezug zu den Kindern wiederbekommen, aber nicht zu seinen Eltern. Er war noch sehr klein, als er sie verlor. Der Onkel war zu der Zeit in einem Alter, wo sich die Liebe zu den Eltern bei deren Verlust häufig in Wut verwandelt. In der Sicht des Jungen haben ihn die Eltern einfach verlassen. Die wiederhergestellte Nähe konnte in der Aufstellung die Wut aufheben. Oft reicht das aber nicht zur Aufarbeitung der Wut.

Sicht des Bruders

Ich spürte die Nähe zur Mutter und zur Schwester, und die Distanz des Vaters betraf mich zuerst nicht. Als meine Schwester aber zum Vater ging und in seinen Armen lag, fühlte ich mich übergangen und ignoriert. Mir lag es nicht, auch auf den Vater zuzugehen. Deshalb war ich froh, als er mir freundlich ein gutes Leben wünschte.

Sicht des Vaters

Es war schrecklich. Ich war in einer zentralen Rolle und spürte überhaupt nichts zu meinen Kindern und zu meiner Frau. Und als ich mich umdrehte, spürte ich auch nichts zu meine Eltern und zu meinem Bruder. Sollte ich denn so unsensibel sein und dadurch alles verderben? Ich war so traurig wegen der fehlenden Empfindungen. "Welche Gefühle könnte ich denn entwickeln?" dachte ich, "Aber das ist der falsche Weg, ich muss beachten, was ich spüre. Ich spüre nur die Leere und bin traurig deshalb. Ach, das ist es ja: Diese Leere und Trauer gehören nicht nur zu mir, sondern auch zu dem, den ich vertrete!"

Es waren Gedanken, die mich dazu fürten, meine Gefühle so zu deuten. Diese Zuordnung ist schwierig: Was bin ich, was ist er oder sie? Schließlich kann es auch Hunger oder Schmerzen vom Stehen geben, die ich in der Gruppe nicht bekanntgebe.

Als meine Tochter zu mir in die Arme kam, war mir direkt klar, daß mir der Sohn nicht gleichgültig war und ich ihm auch etwas geben wollte. Aber wenn er nicht zu mir kam, so konnte ich nicht zu ihm - als verstorbener Vaters mit von mir empfundenem zurückhaltenden Charakter. So konnte ich dem Sohn nur einen Wunsch mitgeben. Helga hatte als Beobachterin diese Notwendigkeit nicht gesehen und wollte die Aufstellung schon beenden.

Weitere Überlegungen: Bedeutung der Rolle für den Aufgestellten

These:

Die Teilnehmer lernen bei ihren Rollen, Empfindungen in das Bewußtsein aufsteigen zu lassen, sie zu kanalisieren und verständlich mitzuteilen.
Die Empfindungen können dabei verschieden sein: Die Mitteilung erfolgt durch Gesten und Darstellungen (s. Weinen des Vaters), durch Handlungen (s. Umarmung Vater-Tochter) oder durch Worte zur Gruppe oder zu einem anderen Teilnehmer (s. Vater-Sohn).

Diskussion von "Empfindungen in das Bewußtsein aufsteigen lassen"

Der Teilnehmer spielt eine weitgehend passive Rolle, was manchen zunächst nicht leicht fällt: Er soll nicht nach möglichen Empfindungen suchen, wie der Vater es kurz wollte, sondern seine Empfindungen beobachten. Er soll die Empfindungen nur mitteilen, aber nicht deuten. Das ist Aufgabe der Seminarleiterin. Im Beispiel deutete sie die Wut des Onkels und überprüfte die Deutung. Eine Deutung durch den Teilnehmer hätte dabei nur gestört.

Eine wichtige Erfahrung der Teilnehmer ist also das sich entwickeln Lassen der Empfindungen. Viele Kinder hören oder bemerken, daß gewisse Äußerungen unerwünscht sind, weil sie sich "nicht gehören" (Jungen weinen nicht) oder den Erwachsenen lästig sind. Dann verlieren sie oft die Fähigkeit zur Äußerung der Gefühle und unterdrücken auch ihre Wahrnehmung. Das hemmt die Entwicklung der Persönlichkeit. Das Seminar bietet die Gelegenheit, diese Hemmnisse zu beseitigen.

Diskussion von "Empfindungen kanalisieren und verständlich mitzuteilen"

Andererseits können manche Personen ihre Empfindungen kaum an sich halten. Sie stürzen z.B. bei Wut laut auf ihr Gegenüber. Im Seminar ist das nicht möglich: Die Wut muß artikuliert werden, ohne sich gegen einen Teilnehmer zu richten, und ohne den Verlauf der Aufstellung zu stören. Damit lernt man, seine Empfindungen deutlich und verständlich zu machen und auch die Empfindungen anderer zu beachten - beides wichtig für das Miteinander im Leben.

Manche Empfindungen der Teilnehmer haben nichts mit der Rolle zu tun, sondern mit dem Stehen in der Runde: z.B. Schmerzen in den Beinen, Langeweile, Hunger oder Mißmut über die eigene Rolle. Solche Empfindungen werden normalerweise nicht geäußert. Im Beispiel war der Vater traurig, weil er nichts spürte, und hatte das zunächst als eine nicht zu äußernde Tatsache eingeordnet. Erst später erkannte er das Wesentliche für die Rolle. Diese Entscheidung ist ein "Kanalisieren" der Empfindungen.

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