Spurensuche
in Familienkonstellationen
Fallbeispiel 2

Die Aufstellung

Genogramm

Anfang der Aufstellung

Das Genogramm zeigt die Verwandschaft der etwa 40 Jahre alten Frau "Ich". Zunächst stellte sie die Repräsentanten für die Familie auf: "Vater", "Mutter", "Bruder" und "Ich". Die Beziehungen zwischen den Personen wirkten kalt. Ein Grund war noch nicht zu erkennen. Es gab eine gewisse Polarisierung: Die Männer (Vater und Bruder) waren zusammen, ebenso die Frauen (Mutter und Tochter "Ich").

Die Vaterseite

Dann kam die Verwandschaft des Vaters hinzu: seine Eltern "Opa V", "Oma V" und danach seine Geschwister "O1", "T2" usw. bis "O9", alles Onkel und Tanten von "Ich" in der Reihenfolge der Geburt. Die Mitglieder dieser Familie fühlten sich unwohl, z.T. mit körperlichen Symptomen, insbesondere das jüngste Kind "O9" und die Mutter "Oma V". Zudem empfanden die Kinder einen Bruch zwischen "T6" und "T7", so als ob es zwei Gruppen gäbe: "O1" bis "T6" und "T7" bis "O9". Die Vermutung lag nahe, daß ein weiterer Vater dazugehörte. Probeweise wurde ein zweiter Mann neben "Oma V" gestellt. Da keiner eine Beziehung zu ihm empfang, wurde die Vermutung verworfen.

Die Seminarleiterin Helga nahm eine nicht näher bestimmbare Schuld bei "Oma V" an und gab ihr als Symbol dafür einen Korb. "Oma V" nahm den Korb an und trug schwer daran. Sie sackte zusammen, so daß ihr ein Stuhl zum Sitzen gebracht werden mußte. Sie klagte "Wieso muß ich den Korb allein tragen?", aber Helga konnte ihr nicht helfen: weder "Opa V" noch die versuchsweise hinzugestellten Eltern von "Oma V" schienen etwas mit der Schuld zu tun zu haben, und die Kinder sollten nicht (mehr) damit belastet sein. Aber die Kinder machten deutlich, daß sie sich weiter unwohl fühlten. "O1" gab dazu die Erklärung: Er selbst war der Vater seiner Gewschister "T7" bis "O9", der zweiten Gruppe, und mußte den Korb mit halten. Das hatten auch schon weitere Kinder und die Mutter der Familie bemerkt, aber Helga als Beobachterin nicht.

Nachdem "O1" die Schuld mit übernommen hatte, wurde die Situation wesentlich besser. Bloß der Repräsentant des jüngsten Kindes "O9", das früh gestorben war, hatte weiter Schmerzen. Es wurde empfunden, daß "O9" durch Vernachlässigung oder Gewaltanwendung starb, und "Oma V" meinte, das Geheimnis läge bei ihr. Das Problem wurde nicht gelöst, und seine Lösung schien für die Familie von "Ich" auch nicht wichtig zu sein.

Die Mutterseite

Zuück zur Famielie von "Ich": Dem "Vater" ging es jetzt deutlich besser, und er wandte sich noch stärker seinem Sohn "Bruder" zu. Die beiden bildeten eine ausgeglichene Einheit, "Mutter" und "Ich" dagegen nicht. Deshalb wurde auch die Familie der "Mutter" aufgestellt: die Eltern "Opa M" und "Oma M" und der Bruder "Onkel M". "Oma M" wurde als hartherzig empfunden. Es gab keine Erklärung dazu, auch nicht nach Aufstellen ihrer Eltern. "Onkel M" schaute dauernd "Opa M" an. Dieser fühlte sich dadurch so in Beschlag genommen, daß er keine Empfindung für seine Frau "Oma M" empfand und seine Tochter "Mutter" vernachlässigte. "Mutter" hat somit von keinem Familienmitglied Liebe empfangen und fühlte sich allein gelassen.

Das übertrug sich auf ihre Kinder. "Mutter" erklärte "Ich": "Ich hab Dir gegeben, was ich konnte. Ich konnte Dir nicht die Liebe geben, die Du brauchtest": "Ich" akzeptierte das und erwiderte "Du hast Dein Problem, aber belaste mich bitte nicht damit.". Als die Repräsentantin von "ich" durch die Aufstellerin selbst ersetzt war, wurden diese Sätze bekräftigt, und Mutter und Tochter umarmten sich. "Bruder" und "Vater" blieben dagegen auf Abstand.

Sichtweisen

Sicht der Aufstellenden

Die Verhältnisse in meiner Familie wurden genau widergegeben. Ich bin froh, meine Eltern jetzt besser verstehen zu können. Zu meinem Bruder und zu meinem Vater werde ich wohl keinen Bezug bekommen. Aber das Verhältnis zu meiner Mutter kann ich jetzt verbessern, nachdem ich mich nicht mehr von Ihren Problemen belastet fühle. Ich weiß nicht, wie meine Großeltern, Onkeln und Tanten zueinander standen, aber es kann so sein wie in der Aufstellung.

Sicht der Seminarleiterin

Die hier gesehene Art der Inzucht habe ich noch bei keiner Aufstellung gesehen, obwohl sie früher in ländlichen Gegenden nicht selten war. Die Mitglieder im aufgestellten System haben die Verhältnisse viel direkter gespürt, als ich sie von außen sehen konnte.

Eine Reihe von Teilproblemen konnte nicht gelöst werden, weil es zu schwer war oder zu lange gedauert hätte. Das ist schade für die Teilnehmer. Aber die Hauptsache ist eine Hilfe für das System der Aufstellenden.

Sicht von "Oma V"

Es war eine sehr schwere Rolle für mich. Als Helga mir den Korb gab, mußte ich ihn nehmen, denn ich wußte, daß ich meinen Mann betrogen und von meinem ersten Sohn drei Kinder bekommen hatte. Ich dachte auch, daß Helga mir deshalb den Korb gab. Ich wollte, daß mein Sohn den Korb mittrug, und fragte deshalb, wieso ich ihn allein tragen mußte. Er war so schwer. Aber Helga hatte noch nicht verstanden.

Sicht der "Mutter"

Ich habe von meinen Eltern keine Liebe erfahren und fühlte mich gegenüber meinem Bruder zurückgesetzt. Das wirkte sich auch auf meine eigene Familie aus: Ich konnte keine Liebe geben und konnte eine Beziehung nur zu meiner Tochter aufbauen. Allerdings, alleingelassen, wie ich mich fühlte, habe ich sie mit meinen Problemen belastet. Ich muß dies Beziehung auf eine andere Basis stellen und mit meine Problemen selber fertig werden.

Sicht von "Opa M"

Ich war so von meinem Sohn gebannt, daß ich mich nicht meiner Tochter zuwenden konnte. Das ging mir so nahe, und ich wollte es ihr sagen. Dazu kam es aber bei der Aufstellung nicht mehr, und so war ich in der anschließenden Pause noch etwas in meiner Rolle gefangen.

Danach war eine kurze Nachbesprechung, in der ich das nachholte, was ich vorher nicht sagen konnte. Das war eine Erleichterung, und ich war nicht mehr in in der Rolle gefangen. Solche Ergänzungen sind öfter nötig. Manchmal werden dazu extra noch kleine Ausschnitte aufgestellt.

Für mich war diese Rolle bedeutsam, weil ich zu meinen Kindern eine ähnliche Beziehung habe, wenn auch nicht so ausgeprägt. In der Rolle sah ich, wie die Probleme sich auf die nächste Generation fortpflanzten, und das möchte ich bei meiner Familie vermeiden. Nur in dieser Rolle konnte ich sehen, wie die Polarisierung in meiner Familie sich in der Familie meiner Tochter wiederholte und wie diese und die Enkelin darunter leiden. Bei einer Aufstellung meiner Familie könnte ich das nicht sehen, denn ich könnte keine noch nicht geborenen Enkel aufstellen.

Weitere Überlegungen: Bedeutung der Rolle für den Aufgestellten

Auf der Seite "Worte für Zweifler" ist die Frage

"Ich finde mich immer wieder in ähnlichen Rollen wieder. Kann ich nicht mal etwas anderes machen?"
gestellt, mit einer ersten Antwort. Aus der "Sicht von Opa M" kann eine weitergehende Antwort gegeben werden:
Der Teilnehmer kommt in Rollen, die ihm helfen, seine eigenen Probleme zu bewältigen.
Das läßt sich zwar schon allein aus einem unbewußten Drang erklären, die Probleme anzugehen, hat aber auch eine Ähnlichkeit zu der Annahme vieler Leute, man würde in bestimmte Situationen hinein- oder wiedergeboren, um diese zu meistern. Unter dieser Annahme sind das Leben und die Rolle vorbestimmt (oder geplant), und man kommt immer wieder hinein, bis man sich dem Problem stellt. Die Teilnahme an einer Aufstellung könnte dann sogar ein vorgesehener Ausgangspunkt zur Lösung des Problems eines Lebens sein und so die Folge der Wiedergeburten zu diesem Problem verkürzen. Aber das ist, obwohl konsequent, doch etwa spekulativ... (Man kann noch weiter spekulieren: Verstorbene können in neue Familiensysteme wiedergeboren sein. Gibt es Wechselwirkungen?)

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